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Ein Wochenende auf Stromboli

P1170454 Feuertheater im Mittelmeer

Zu den Liparischen oder Äolischen Inseln gehören u.a. Lipari, Panarea, Vulcano und natürlich Stromboli.  Äolus/Aiolos, der Gott der Winde, war ihr Namensgeber. Vom sizilianischen Festland aus, erreicht man diese schönen Inseln recht schnell mit Tragflügelbooten. Man kann die Reise aber auch  langsamer angehen und ein Aliscafo von Neapel nehmen: dann dauert es, wenn alles gut geht, 4 1/2 Stunden. Vulcanus, der Taufpate einer der Inseln, hat allerdings auf seiner Insel nichts mehr zu tun, da Vulcano schon im vorigen Jahrhundert erloschen ist. Stromboli, hingegen, ist der aktivste aller italienischen Vulkane. Zerklüftete Küsten und schwarze Sandstrände definieren das Eiland und machen den Zugang zu schwer. Den zweiten Ort auf der Rückseite, Ginostra, kann man nur per Boot (oder über den Vulkan wie es Ingrid Bergman im Film vergeblich versuchte) erreichen. Schwefelgase und dampfende Fumarolen begleiten den Alltag der knapp 600 Menschen  die ständig dort leben, davon leben ca 550 in Stromboli und 50 in Ginostra. Autos gibt es so gut wie keine, nur die dreirädrigen, knatternden Lieferwagen, Elektrotaxis und natürlich die Motorini.

 vulkan4An der Nordwestseite liegt die “Sciara del Fuoco” (Feuerrutsche). Von hier aus rauscht die Lava von den Kratern ins Mittelmeer.

Vor etwa 40 000 Jahren, im Jungpleistozän, kam es wohl zum ersten Ausbruch. Heute ist der Stromboli ein sogenannter regelmäßiger Vulkan, d.h. man kann fast die Uhr nach seinen Auswürfen richten, was für die Bewohner eine gewisse Beruhigung darstellt.  „Wir machen uns erst Sorgen, wenn er mal 2 Tage nichts auspuckt“, sagte die freundliche Hotelangestellte. Aber trotzdem gibt es dann und wann größere und wichtigere Ausbrüche, wie einer 1930.  Eine Lava-Lawine raste mit einer Geschwindigkeit von 70 km/h ins Meer und brachte dieses zum Kochen. Zuerst sank das Meer und flutete dann zurück. Asche, Schlacke, Steine, kochendes Meer und heiße Gase kosteten drei Inselbewohner des Leben. Als im Jahre 2003 ein ähnlich starker Ausbruch geschah, wurden auf der bewohnten Seite Hinweisschilder aufgestellt und Wartezonen eingerichtet, um die Bevölkerung vor einem Tsumani zu schützen.

Sizilien ist das Land der griechischen Mythologie und die Legenden ziehen sich bis ins 21. Jahrhundert.

Demeter und die Blumen pflückende Proserpina, der Unterweltkönig Hades, Aphrodite, Odysseus und der Polyphem, die Sonnenrinder des Helios, Daidalos, Charybdis – nur um ein paar zu nennen, haben sich in und um Sizilien herumgetrieben und ihre Handschrift und unzählige Geschichten dort hinterlassen.

Aber auch die von Debussy vertonte erotische Sommerphantasie „L’après-midi d’un faune“ von Stéphane Mallarmé – über den schwülen Nachmittag (die gelbe Stunde) eines Fauns, der die Nymphen liebt, soll in Sizilien spielen.

Früher hat man den Vulkan gemieden und die Strombolianer kehrten ihm den Rücken. Erst durch die Griechenland-Sehnsucht im 18. Jahrhundert kam eine gefährliche und romantische Vulkanbesteigung in Mode. Der Naturphilosph Empedokles aus Agrigento hat sich in den Ätna gestürzt und laut Legende hat dieser seine Sandale wieder ausgespien. Platon ist dann später dorthin gepilgert und viele Philosphen oder Andere ahmten es ihm nach wie der Winckelmann-Freund Baron Johann Hermann von Riedesel oder Wilhelm Waiblinger Anfang im 19. Jahrhunderts. Alle haben sie faszinierende Beschreibungen von der Besteigung hinterlassen wie der Poet Waiblinger (er liegt übrigens im akatholischen Friedhof an der Cestiuspyramide in Rom). 3.300 Meter ist er hoch der gefährliche und aktive Ätna, er war schon Gesprächsgegenstand, Sorge und Bedrohung, als der viel kleinere Stromboli mit nur 916 Metern noch in aller Ruhe still vor sich hinbrodelte.

Wir hatten uns jedoch für eine Reise zum Stromboli entschieden.

IMG_1571Vulkanenergie in Island (Foto: Peter Jäger)

Angeregt u.a. durch Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“, der ja, wie der geneigte Leser weiß, seine Protagonisten in Island in den Snoeffels (Snæfellsjökul) steigen lässt, um sie  nach langer Wanderung durch Dantes Höllentrichter und Luzifers Sitz bis zum Erdmittelpunkt über den Krater des Stromboli wieder auf die Erde zurückholte. Allerdings waren der Hamburger Professor und sein Expeditionsteam nicht auf der Suche nach den Poeten der Antike, sondern folgten einer Runen-Geheimschrift aus dem 12. Jahrhundert von Snorri Sturluson, die sie mit viel Mühe entzifferten. Das war 1864 und hat vielleicht auch Mark Twain animiert, auf seiner zweijährigen Europareise 1867-69, die Äolischen Inseln und den Stromboli zu besuchen.

stromboli280 Jahre später kam dann das dream team Rossellini-Bergman auf die Insel, um den tragischen und kargen Film “Stromboli” zu drehen, der allerdings nicht gerade dazu anregt, dorthin zu fahren, geschweige denn sich dort niederlassen zu wollen. Der Film beschreibt ein unwirtliches und zurückweisendes armes Fischervolk, bedroht von einem schwarzen und von Wolken verhangenen grummelnden Berg. Aber das war vor 70 Jahren und das Wort Tourist gab es damals auf der Insel noch nicht. Die Hauptperson Ingrid-Karin ertrinkt in verlorener Einsamkeit und will schockiert durch eine genial-grausame Thunfischfangszene und totales Unverständnis ihres sizilianischen Fischers dieser feindlich gesinnten Vulkaninsel nur noch den Rücken kehren.

vulkanMittlerweile gibt es fast das ganze Jahr über Touristen und die Inselbewohner sind freundlich und aufgeschlossen, Thunfische gibt es hingegen nur noch wenige – nur der Vulkan hat sich nicht verändert, er ist nach wie vor sehr fleißig und sogar bei einem Kurzaufenthalt bekommt man das rote Feuerspeien aus Hephaistos Reich zu sehen.

Aber nun zu unserem Abenteuer:

Wir sind mit dem Schiff (aliscafo) aus Neapel angereist und natürlich erst mal zum falschen Hafen gelaufen. Überall stießen wir auf Hinweisschilder, die uns sagten wo das Boot nach Ischia, Capri etc. abfährt. Aber wo geht es denn bitte nach Stromboli? Wir fragten einen adrett gekleideten Marineoffizier, der uns rät nach ein paar hundert Metern einen Shuttle-Bus zum Ablegeplatz des Aliscafe zunehmen. Seltsam, denken wir, wir sich doch schon im Hafen. 300 m weiter fragten wir einen anderen Marinesoldaten. Dieser wollte zuerst unsere Reservierung sehen, tätigte dann einen Anruf, um uns in der Folge mitzuteilen, dass wir am falschen Hafen wären, denn das Mittagsschiff würde von Mergellina aus fahren. Das machte uns dann doch etwa nervös, aber er steckte uns sehr freundlich in ein Taxi und schickte uns zum anderen Hafen Richtung Posilipo. Neapel ist chaotisch aber wir hatten noch genug Zeit. 13 Euro später waren wir am richtigen Kai, tauschten unsere Voucher in Tickets und hatten sogar noch Zeit vor der 4 ½ Stunden Überfahrt etwas zu essen. Nach einer pünktlichen Abfahrt und vorbei an Capri und Sorrento kam das Schiff um 19.00 in Stromboli an.

giardinosecreteoDie Elektrotaxis ignorierend machten wir uns zu Fuß zum Hotel Il Giardino Segreto. Immer den Berg hoch und dann links, sagte ein Bootverleiher und schlug uns vor, um 20.00 Uhr an der Inselrundfahrt teilzunehmen.

stromboliAlso rauf den steilen Berg, links einen engen Hohlweg entlang, erreichten wir nach knapp 10 Minuten unseren „Zaubergarten“. Das B&B liegt wirklich fantastisch. Kleine Mini-Bungalows mit eigener Terrasse und einem grünen, nicht sehr zurecht gestutzten Garten – wie im Märchen. Für diese Lage und den Blick einerseits auf das Meer und andererseits auf den Vulkan nahmen wir gerne in Kauf, dass wir zwei Tage kein heißes Wasser haben würden und es zum Frühstück künstlichen Saft gab. Nach ein paar Minuten stürmen wir auch gleich wieder runter zum Hafen, um gerade noch die Gruppe mit der Inselrundfahrt zu erwischen. Nachdem das Boot mit 12 Leuten und zwei Kindern voll war, kam für uns noch ein kleines Motorboot, das dem größeren hinterher rauschte. Klatschnass waren wir nach ein paar Minuten und der Wellengang war um einiges stärker als auf der gesamten Überfahrt. Bei Einbruch der Dämmerung hielt  das Motorboot in der Nähe der anderen, ca 30 Meter vor der Sciara – alles war andächtig und respektvoll ruhig und man hörte nur das Klatschen des Wassers an den Bug des Bootes. Plötzlich ein Dröhnen, Husten, Knurren und Grollen und schwarz-brauner Rauch füllte den Himmel. Ab und zu spuckte der Vulkan rote Lava aus, die dann donnernd wie Goldbrocken den Berg herunter stürmte und ins Wasser viel. Irgendwann mussten wir drei dann in einem leichtsinnigen Manöver (alles ohne Schwimmweste natürlich) doch auf das andere Boot, auf dem nun doch plötzlich für uns Platz war (es wird doch niemand ins Wasser gefallen sein?) – weil unser Fahrer eine andere Gruppe in Ginostra abholen musste (die hatte er wohl vergessen).

vulkanvommeerausNach ca. 45 Minuten war es stockdunkel und  das lieblich blau-grüne Meer bei Ankunft verwandelte sich zusehens in ein schwarzes Loch. Ein plötzlich einsetzender Alarm auf dem kleinen Boot unterbrach die andächtige Stille und zwang uns, in den Hafen zurückzufahren. Es gab zwei Rettungsringe im Boot und ich habe mir schon den Streit der 15 Erwachsenen ausgemalt, sollte das Boot es nicht schaffen (zu dumm, dass ich meine Handtasche mit hatte – schwimmen an Land ging zur Not ja noch). Ginostra liefen wir also nicht an – vielleicht war es auch nie geplant, obwohl unser erster Kapitän das so erwähnte. Das Grollen des Vulkans und der rote Himmel wurde dann abgewechselt vom Alarm-Brummen des Motors und der roten Warnlampe abgelöst. Wieder zurück im Hafen war unser Anlegesteg belegt (wir waren ja zu früh zurück) und wir mussten innerhalb von 60 Minuten zum zweiten Mal von einem Boot auf das andere klettern, um das Land zu erreichen. Es war mittlerweile 22.00 Uhr und wir hatten Hunger und gingen zum Abendessen. Auf Stromboli gibt es keine Straßenlampen und den Rückweg ins Hotel haben wir nur dank der Leuchtkraft unserer Handys gefunden. Klare, saubere Finsternis und der Himmel voller Sterne. Es war wie im Traum und wir waren  dankbar, für das fehlende und uns Stadtmenschen so vertraute künstliche Licht nach Eindruck der Dämmerung. 

Unser erster Gang am nächsten Morgen ging zur Trekking Agentur, bei der wir die Kraterbesteigung gebucht hatten. Dort erfuhren wir allerdings, dass sämtliche Exkursionen zum Krater aus Sicherheitsgründen einstweilen storniert wären, da der Vulkan zu aktiv sei. Wir beschlossen also, alleine soweit wie möglich zu gehen. Eine Karte erklärte auch den Weg auf die erlaubten 400 Meter mit Blick auf die Krater und die Sciara

labyrinthDann  gingen wir erstmals zum Baden an den schwarzen steinigen Strand (unbedingt Badelatschen mitnehmen, denn sonst schlitzt man sich an die spitzen Steinen die Füße auf) und beschlossen dann den Vormittag mit der obligatorischen Ingrid Bergmann Tour, d.h. wir gingen an dem Haus vorbei, in dem sie mit Rossellini gelebt hat und anschließend zum Mittagessen in die Bar Ingrid.

hinweissciaraUm 18.00 Uhr zogen wir unsere Bergschuhe an, packten Pulli, Wasser und Müsliriegel in den Rucksack, bewaffneten uns mit einer Taschenlampe und nahmen den Weg direkt hinter dem Giardino Secreto Richtung Berg. Vorbei an meterhohem Schilf und Bambuswäldern (wir versorgten uns auch mit einem Bambus-Wanderstab), duftenden Ginster und Zistrosensträuchen, Olivenbäumen und Kapernbüschen. Dieser Weg ist wunderschön aber unmöglich, ihn auf dem Rückweg bei Dunkelheit zu gehen. Das hatte man uns aber auch gesagt und JN hatte schon einen einfacheren Rückweg auf der Karte identifiziert.

aufstiegaufsteig2aufstieg

 Der Gipfel des Stromboli ist ein alter Krater. 200 m unter ihm breitet sich der jetzt aktive Kraterkomplex aus. Manchmal bricht er an 10 verschiedenen Stellen gleichzeitig aus, unterschiedlich intensiv. Wie tief genau Hephaistos seine Schmiede betreibt und Regie über dieses Naturtheater führt, ist nicht genau bekannt. Man spricht von 2 bis 25 km.

Wir erreichten gegen 20.00 Uhr die letzte Plattform mit Blick auf die Fossa-Zwillingsgipfel. Von hier aus hat man einen fantastischen Blick auf dieses Naturschauspiel und den Höllenberg. In regelmäßigem Abstand prustete und spie der Berg nun die rote Lava aus, angekündigt wurde dieses Spektakel immer durch ein wütendes Rumoren des Berges. Obwohl der Struognuli, so wird er hier genannt, permanent aktiv ist, ja sogar einer der Aktivsten überhaupt, kamen die Eruptionen in diesen Tagen an eine Grenze, die einen Krateraufstieg wie gesagt verhinderten. Wir verfolgten, wie die Schlote Magmafetzen in die Luft schleuderten und auf der Sciara del Fuoco die Lavaströme ins Meer rasten. Die Feuerfontänen wurden immer höher und dementsprechend mehr purzelten die goldenen Lavabrocken den schwarzen Berg herunter ins Meer. Man könnte hier glatt Wagners Rheingold inszenieren.

vulkan2vulkanP1170454

Auf der anderen Seite – über dem Meer – passierte  zeitgleich grade der gigantischste Sonnenuntergang aller Zeiten. Der Himmel und das Meer vermischten sich zu  unterschiedlichen Rottönen. Die regelmäßigen Ausbrüche ließen die Zeit so schnell vergehen, dass wir gar nicht merkten wie die Nacht und die damit einhergehende Frische hereinbrach. Plötzlich war es stockdunkel. Wir zogen unsere Pullis an, holten die Taschenlampe heraus und machten uns auf zum Abstieg. Den ersten Teil des Weges kannten wir ja schon, den Restweg wollten wir aber über das Restaurant von Salvatore zurücklegen, um von dort dann in den Ort zurückzukehren. Dieser Weg war etwas länger aber nachts der einzig machbare. Auf dem Rückweg gab es dann noch ein Abschiedsgeschenk in Form eines Riesenspektakels und der Berg wollte sich gar nicht mehr beruhigen. Wir hatten Glück, dass wir gerade an einer Biegung standen, die uns den Blick auf dieses Schauspiel freigab. Immer wenn am Berg wieder Ruhe einkehrte, machten wir unsere Taschenlampe aus, um den unermesslichen und endlosen Sternenhimmel zu bestaunen.

sonnenuntergang

Wir haben es natürlich bereut, nicht bis an den Kraterrand gekommen zu sein, aber andererseits hätten wir dann dieses Spektakel nicht zu sehen bekommen, da man nur ganz nach oben gehen kann wenn wenig oder fast nichts passiert.

Gegen 22.30 Uhr kamen wir am Restaurant Salvatore an. Da aber alle Tische besetzt waren, ruhten wir uns nur ein wenig aus und gingen dann noch die letzten drei Kilometer bis zur Bar Ingrid, um eine wohl verdiente Pizza zu essen.

Um 0.50 Uhr waren wir im Hotel zurück. Am nächsten Tag sollte uns das Aliscafe von Stromboli in 4,5 Stunden nach Neapel zurückbringen. Lustlos und traurig zurück zu müssen, schleppten wir uns schon bei großer Hitze um 08.30 Uhr zum Hafen. Die Überfahrt hat dann fast 8 Stunden gedauert, da ungefähr nach der Hälfte der Strecke ein Motor ausfiel und es nur noch im Schneckentempo weiterging. Wir hatten aber einen Puffer von drei Stunden zwischen Ankunft Fähre und Abfahrt Zug eingebaut, dass wir es grad noch schafften.

 Was kann man sagen: Es war einfach fantastisch und außergewöhnlich und für uns ein Italien-Highlight.

Im nächsten Jahr versuchen wir es dann mit dem Ätna.

Das Leben suchst du, suchst, und es quillt und glänzt
Ein göttlich Feuer tief aus der Erde dir,
Und du in schauderndem Verlangen
Wirfst dich hinab, in das Ätna Flammen
(so beschrieb Hölderlin Empedokles von Akragas Tod)

 Christa Blenk

vulkan

Fotos: Christa Blenk



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