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Rom und die Architektur im 20./21. Jahrhundert

P1150122-1 Auditorium Parco della Musica – Verbindungsgang der drei Konzertsäle – Architekt: Renzo Piano

Das schönste Abenteuer für einen Architekten ist es, einen Konzertsaal zu bauen; höchstens ein Geigenbauer empfindet noch mehr Glück wenn er eine Violine anfertigt. Im Grunde geht es bei beiden um das Gleiche, ein Instrument zu konstruieren, um Musik zu machen und zu hören. (Renzo Piano)

Rom hat nicht nur Ruinen, Aquädukte und Barockkirchen!

Ein Spaziergang durch das moderne und zeitgenössische Rom!

Anfang des 20. Jahrhunderts ist das antike und etwas schwerfällig-nostalgische und sich auf dem ewigen Ruhm ausruhende und allem Neuen mißtrauisch gegenüberstehende Rom aus seinem Tiefschlaf erwacht und hat beschlossen, im aufkommenden und existierenden weltweiten Architekturwahn ebenfalls eine Rolle zu spielen. Und obwohl mal zeitgenössische Architektur nicht mit Rom in Verbindung bringt, ist dieses Unterfangen ganz gut gelungen und die letzten 100 Jahre haben das Stadtbild dann doch ein wenig geprägt und auch verändert.

photo5Die Weltausstellung 1911 war daher nur einer der Beweggründe, neues Wohngebiet zu erschließen und den Stadtkern zu erweitern. Dazu bot sich ein nicht bebautes brach-liegendes Gebiet nördlich von Trastevere und dem Vatikan an. Zwischen Tiber und Montemario entstand das vornehme und bürgerliche aber heute sehr schöne und schicke Viertel Prati (was soviel wie Wiesen heißt). 

P1150207Die Machtübernahme durch die Faschisten 1922 leitete einen regelrechten megalomanen Bauboom ein. Es entstanden Bauwerke wie die Universität La Sapienza im ärmeren linken südöstlich liegenden Viertel von Rom, direkt hinter der Stadtmauer (Mura Aureliano), der Bahnhof Termini, der Ende der 30er Jahre von Angiolo Mazzoni umgebaut und modernisiert wurde (1950 sah er dann so aus, wie wir ihn heute sehen – weißer und sauberer nur), der neunstöckige Palazzo della Farnesina, 1935 von den Architekten Del Debbio, Foschini, und Ballio Morpurgo als Parteizentrale direkt neben dem Stadio Olimpico errichtet und heute Sitz des Außenministeriums.

P1130225 Große und das Stadtbild verändernde Bauvorhaben entstanden, als Rom 1936 den Zuschlag für die Weltausstellung 1942 bekam. Der Städteplaner und Architekt Marcello Piacentini  entwickelte und realisierte aufwendige Megaprojekte auf der Cristoforo Colombo stadtauswärts Richtung Ostia. Es entstand der weit ausgedehnte EUR Komplex mit Olympiastadium (das dann 1960 schließlich zum Einsatz kam). Die Weltausstellung fand allerdings kriegsbedingt nicht statt. Heute befinden sich dort der Sitz der Region Lazio, diverse Ministerien, Museen und Bibliotheken und ansonsten ist es eine gute Wohngegend mit Anbindung an die U-Bahn.

P1150102-1 - KopieDann kehrte wieder Ruhe ein und Werkzeuge und Bagger wurden verräumt bis in den 50er Jahren die Bauarbeiten für die Olympiade 1960 begannen. Das Olympische Dorf (villagio olimpico) sollte im Norden, im Stadtteil Flaminio, entstehen. Konzipiert und erbaut wurde der Komplex von der Architektengruppe Cafueri, Libera, Lucchichenti, Monaco und Moretti. Das damals durchaus aktuelle und innovative dem Rationalismus zuzuordnende Wohnprojekt für das Olympische Dorf ist allerdings schlecht gealtert und das Viertel rutschte ab.

Es folgte ein erneuter Baustopp der bis in die 90er Jahre dauerte. Dann aber wurde Rom zum Tummelplatz für die großen Startarchitekten, die interessante und namhafte Weltarchitektur-Projekte konzipierten und umsetzten, vor allem im Viertel Flaminio und Rom wurde – architekturästhetisch – in das 21. Jahrhundert katapultiert.

P1150121-1Nicht weit von der Ponte Milvio entfernt entstand als erstes Projekt Ende des 20. Jahrhunderts das geniale Auditorium Parco della Musica von Renzo Piano – die Bauarbeiten begannen 1994; eingeweiht wurde der Komplex bestehend aus drei Konzertsälen, zwei Restaurants, einem großer Buch- und Musikbereich und diverse andere Gebäudeteile, schließlich 2003. Mit der Übernahme einer großflächigen Kaserne durch das Kulturministerium 1998 ist die Idee für ein Museum des XXI Jahrhunderts geboren worden.

maxxi-027Wieder im Flaminio-Viertel, gegenüber dem Musikparadies von Renzo Piano und nur fünf Minuten zu Fuß zum Tiber ist um die Jahrtausendwende diese wirklich innovative Museumsanlage entstanden. 273 Teilnehmer nahmen an diesem Architektur-Wettbewerb teil, darunter Größen wie Rem Koolhaas, Jean Nouvel oder Kazuyo Sejima. Zaha Hadids Entwurf überzeugte und gewann die Ausschreibung. 1998 begannen die Bauarbeiten und 2010 konnte das Kulturzentrum MAXXI – das Museum des 21. Jahrhunderts eingeweiht werden. Mittlerweile sind gegenüber noch verschiedene Lokale entstanden und ein schickes „unterkühltes“ Restaurant. Ein Besuch lohnt sich immer, da es meistens 3-4 Ausstellungen zur gleichen Zeit zu sehen gibt.

Kirche Richard MeierDer amerikanische Star Architekt Richard Meier hinterließ seine Handschrift gleich zweimal in Rom. 1996 begannen die Bauarbeiten für die Kirche des neuen Jahrtausends Dio Padre Misericordioso (Gott, der barmherzige Vater – die patris misericordis – auch Chiesa del Giubileo genannt) im römischen Vorort-Viertel Tor Tre Teste (zwischen Casilina und Prenestina), die allerdings erst 2003 fertiggestellt werden konnte. Nach Scheitern der ersten Ausschreibung hat die Diözese Rom im zweiten Anlauf gezielt sechs Stararchitekten, darunter Gehry, Calatrava und eben Meier, eingeladen, ein architektonisch außergewöhnliches Projekt zu entwerfen. Meier bekam den Zuschlag. Nach nur 10 Jahren allerdings wären die ersten Renovierungsarbeiten fällig, der Putz bröckelt zum Teil ab und die Wände brauchen bald einen neuen Anstrich.

Ara Pacis - Richard MeierDas zweite Großprojekt Meiers war, die renovierungsbedürftige Ruine der Unterbringung des Augustus-Altar “Ara Pacis” neu zu konzipieren. Es entstand dieses herrliche, viel kritisierte, weiße und transparente Museum aus Travertin und Glas am Tiber und konnte nach vielen Baujahren und Problemen 2006 endlich eingeweiht werden konnte. Die Neugestaltung der Piazza Augusto Imperatore ist “work in progress” und erstmals passiert nichts.

Macro innenAn der Porta Pia im Viertel Nomentana hat die französische Architektin Odile Decq im Jahre 2002 das Macro, Museo di Arte Contemporanea de Roma, konstruiert. Praktisch zeitgleich wurden – als Dependance sozusagen – zwei Gebäude des ehemaligen Schlachthofes Mattatoio di Testaccio an der Cestius Pyramide als Ausstellungsräume umgebaut. Eröffnet wurde es offiziell 2004 aber erst seit 2010 ist das Museum für Besucher zugänglich.

Der Vorgänger des Macro war die „Galleria di Arte Moderne e Contemporanea“ ; der Grundstein für diese wurde bereits 1883 gelegt, als die Stadt Rom bei der Internationalen Kunstausstellung die ersten zeitgenössischen Kunstwerke erwarb.

P1130337Das letzte und erst vor zwei Jahren eingeweihte Projekt – aber nicht das  interessanteste – ist der neue Hochgeschwindigkeitsbahnhof Tiburtina . Das ABDR Büro hat das Monster „erfunden“ und realisiert. 2011 wurde er eingeweiht. Leider hat man es versäumt, das Umfeld in die Bauarbeiten mit einzubeziehen. Jetzt steht er da hochmodern und unpraktisch, weit weg vom Zentrum, schwierig und über Schlaglöcher zu erreichen mit komplizierten Übergängen und leeren Boutiquen in den überdimensionalen Hallen. Aber vielleicht muss man ein paar Jahre warten, bis er zum Leben erwacht.

Des gleiche Büro ABDR Architetti zeichnete für den sehr gelungenen Umbau des Palazzo delle Esposizione auf der Via Nazionale, der 2007 fertiggestellt wurde und ebenfalls Platz für mehrere Ausstellungen zur gleichen Zeit bietet.

BH HerkuleskorridorEin sehr gelungenes, ansprechendes und zugleich praktisches Projekt, ist der Trichter aus Licht von Juan Navarro Baldeweg in der Biblioteca Hertziana. Da der Buchbestand immer größer wurde, ein Anbau aber lagebedingt nicht möglich war und obendrein – schon in den 60er Jahren – die Bau- und Brandschutzvorgaben nicht mehr den vorgeschriebenen Standards entsprachen, musste ein Lösung im Innenbereich gefunden werden, ohne die historische Fassade anzutasten. Den Architekturwettbewerb 1995 gewann der Spanier Juan Navarro Baldeweg und nach knapp 10 Jahren Bauarbeiten ist die Biblioteca Hertziana nun wieder für Forscher geöffnet. Von außen ist von all dem – leider -  nichts zu sehen.

Calatrava Brücke GarbatellaErwähnungswert ist auch die Umstrukturierung eines altes Elektrizitätswerkes, der Centrale Montemartini. Dieses Museum ist eine Art Erweiterung der Kapitolinischen Museen und beherbergt vor allem römische Skulpturen. Dorthin gelangt man, wenn man die interessante und schöne Brücke à la Santiago Calatrava überquert, die seit 2012 die Viertel Garbatella und Ostiense miteinander verbindet.

Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert begann ein regelrechtes weltweites Brückenbaufieber, von dem auch Rom nicht verschont blieb. Von den ca. 30 Brücken im Großgebiet Rom sind bis auf die Milvio Brücke (207 v.C.); die Engelsbrücke (134 n. C.), die Ponte Sisto (1473-1479) sowie die Ponte Cestio an der Tiberinsel (Mitte des 1. Jh.n.C.) und die Ponte Rotto (241 v.C.) alle erst Ende des 19. Jh. (z.B. Garibaldi Brücke) und vor allem Anfang/Mitte des 20. Jh konstruiert worden.

Das Prestigeprojekt Wolke (La nuvola) von Massimiliano Fuksas als Sitz des neuen Kongresspalastes im Stadtteil EUR ist ein “work in progress” und im Moment auf Eis gelegt. Der römische Architekt und Maler Fuksas (*1944) hat sich vom Projekt zurückgezogen. Auf 27.000 Quadratmetern (Hotels, Parkplatz, Nebengebäude incl.) sollte es entstehen. Das dürfte nicht billig gewesen sein!

Ein weiteres erstmal stillgelegtes Projekt von Santiago Calatrava ist “Vele di Calatrava” – das Sportzentrum der Tor Vergara Universität in Richtung La Romanina. Hier kann man nur ein Geflecht erkennen. Das das Projekt ist sehr vielversprechend.

Christa Blenk

Eine fotografische Reise durch das moderne Rom:

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Piazza Cavour -  Prati  (2 Fotos); EUR (3 Fotos); La Sapienza (Aula Magna mit dem Fresco von Sironi), Sapienza  Vorderfront; Stadio Olimpico (2 Fotos); Villagio Olimpico (2 Fotos); Parco della Musica (aussen und Sala Santa Ceclila); Ara Pacis (2 Fotos); MAXXI (2 Fotos) ; Tiburtina Stazione (aussen, VIP Lounch, innen); Garbatella Brücke, Innenansicht der Centrale Montemartino, Macro Testaccio mit Big Bamboo und Marco Nomentana (Straßenansicht, innen und Eingang), Kirche des 3. Jahrtausends (außen, drei Segel, Innenraum), Biblioteca Hertziana Innenansicht, Cinecittà, unfertiges Kongresszentrum von Fuksas in EUR, Gebäude und Plan; Brücke Nähe Auditorium.

Fotos:©Christa Blenk

BH-InnenhofStroganoff2 Biblioteca Hertziana – Innenhof  Stroganoff (Foto und auch die anderen Fotos der Hertziana: © Anna Paulinyi)



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