Konzertmusik opus 1 – Eine Welturaufführung von Hans Werner Henze

1943 im August war Hans-Werner Henze (1926-2012) 17 Jahre alt und hatte gerade sein Musikstudium in Braunschweig begonnen. Wie er in seinen autobiografischen Mitteilungen „Reisebilder und Böhmische Quinten“ schreibt, hatte seine Freundin Rosemarie ein von ihm komponiertes „Werkchen“ für Klavier und Cello an Professor Maler gegeben und  dieser sogleich sein Talent erkannt. Rosemarie war es auch, die Hans-Werner Henze aus ihres Vaters Bücherschrank Mersmanns „Musik der Gegenwart“, zukommen ließ, in dem über all die Musik geschrieben wurde, die gerade nicht gespielt werden durfte. In dieser Zeit, 1943/1944, entstand Hans Werner Henzes kleines Kammerkonzert op. 1, „Konzertmusik“.

Am 4. Februar wurde das Stück auf BR Klassik in der Reihe „Horizonte“ als kleine Sensation unter der Leitung von Peter Tilling und dem Münchner Ensemble „risonanze erranti“ im Studio des Bayerischen Rundfunks welturaufgeführt.

 Man glaubt es nicht, aber dieses mit sauberer Handschrift aufgezeichnete Jugendwerk war lange Zeit verschollen bis es plötzlich aus dem Nachlass des Geigers  und langjährigen Konzertmeisters des Orchesters der Bayrischen Staatsoper in München, Kurt Stier, auftauchte. Die Witwe, Sibylle Stier, übergab es 2017 der Hans-Werner Henze Stiftung. Henze hatte es seinerzeit seinem Freund und Studienkollegen in Braunschweig Kurt Stier gewidmet. Dass es Einflüsse von  Paul Hindemiths Kompositionen zeigt ist verständlich, war er doch, so schreibt Henze weiter in den „Reisebildern“ der einzige Komponist der Moderne, von dem man durch den Musikalienhändler unter dem Ladentisch etwas erwerben und somit studieren konnte. Beeindruckt war Henze in dieser Zeit auch  vom Kapellmeister und Komponisten Rudolf Hartung vom Staatstheater Braunschweig, obwohl er es nicht wagte, ihm seine Konzertmusik oder andere Kompositionen im verbotenen Stil zu zeigen. Henze widmet in seinen autobiografischen Schriften diesem Jugendwerk nur ein paar Seiten und nannte es ein kleines (unsägliches) „Concerto“, als Stier ihm die Partitur Jahre später in München zeigte. Aufgeführt wurde es nie, geprobt schon, aber eher halbherzig und während einer Mittagspause im Waschsaal der Musikschule. Es war Krieg und auch die Studenten wurden nach und nach eingezogen.

Tilling ist ganz begeistert von den harmonischen und melodischen Strukturen und dem Hauch von Rest-Expressionismus in diesem Zwölf-Minuten Werk für Solo-Violine und kleines Kammerorchester, in dem er schon die Hochbegabung des jungen Henze erkennt.
Der erste Satz kommt rhythmisch und leicht-spielerisch, expressionistisch daher. Unbeschwert turnen die Töne durch den Raum, überlagern sich, schwelgen großzügig und zügellos durch die zwanziger Jahre – immer mutig vorpreschend, weil man das ja eigentlich so gar nicht komponieren durfte. Im zweiten Satz wird es nachdenklich-lyrisch, ein wenig unheilverkündend und schwermütig mit einer weinend-sehnsüchtigen Geige. Virtuos und energisch wird es im dritten Satz. Trotz einer gewissen Verwandtschaft zu Hindemith, gibt Henze hier schon einen Vorgeschmack auf seine erste Sinfonie, die gut vier Jahre später den Anfang seiner großen Musikkarriere einleitete.

Die geplanten Aufführungen in Salzburg 2020 und später an der Elbphilharmonie Hamburg konnten Corona-bedingt nicht stattfinden. Gestern spielte Michaela Girardi die Geige.
Christa Blenk

 

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für KULTURA EXTRA

Blog Highlights 2020

2020 hat sich – auch kulturell – anders präsentiert als die anderen Jahre. Ab März wurden Museen und Ausstellungen geschlossen, Konzerte und Opernaufführungen wurden entweder abgesagt oder mussten virtuell stattfinden. Einiges gibt es aber trotzdem zu berichten. Unser letzter Opernbesuch hat Ende Februar in Antwerpen stattgefunden. Abgesehen von ein paar Kulturspaziergängen oder Besuchen von Freilichtmuseen, basieren deswegen meine blog Highlights 2020 auf virtuellen Ereignissen!  

Hinter jedem Begriff in ROT verbirgt sich der link zum Artikel

 

Januar: Das erste Jahr in Brüssel ging für uns in der Brüsseler Oper zu Ende bzw. das Neue hat dort begonnen und zwar mit einer gewöhnungsbedürftigen Aufführung von Hoffmanns Erzählungen in der Monnaie. Mitte Januar sind wir mit dem Auto nach Paris gefahren, um bei der neuen Produktion von Opera Côté Choeur mit dabei zu sein. Dido und Aeneas gehört zu unseren Lieblingsopern und von Brüssel nach Paris ist es nicht weit und dafür lohnt sich so eine Reise allemal. Kroatien hat ihre sechs-monatige Ratspräsidentschaft mit einem gelungenen Konzert im Bozar mit Max Emanuel Cencic eingeleitet.  Deutschland hat Kroatien bei dieser Aufgabe am 1. Juli 2020 abgelöst, wusste aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass das eine mehr oder weniger virtuelle Präsidentschaft werden sollte. Die Premiere der Pariser  Produktion Orpheus und Euridice, die wir hier in Brüssel im UGC Kino im Rahmen des Programms « Viva l’Opera » gesehen haben,  fand schon 2018 in Paris  mit einer Starbesetzung statt. Der großartige französische Contertenor Philippe Jaroussky (sehr überzeugend auch schauspielerisch, allerdings fehlte es ihm manchmal an Tiefe) und Patricia Petibon (großartig, selbstbewusst und dramatisch) als Orpheus und Euridice. Den Amor sang Emőke Baráth. Das französische Lille ist von Brüssel nur knapp zwei Autostunden entfernt und hat eine gute Oper mit einem interessanten Programm. Ende Januar sind wir in diese schöne nordfranzösische Stadt gefahren, um die  Oper  Les Pecheurs de Perles”  zu sehen. Die Aufführung hat uns sehr gut gefallen und wir haben beschlossen, dies öfters zu tun. Passend dazu haben wir die Ausstellung  ”Degas in der Oper” besucht.

 

P1090772 Februar: Endlich war sie da: die lang erwartete und große Van Eyck Ausstellung in Gent. Da wir gleich am zweiten Tag hingefahren sind, konnten wir sie noch sehen – mit vielen weiteren Besuchern zwar, aber immerhin. Ein zweiter Besuch mit einer Freundin aus Berlin fiel dann schon Corona zum Opfer (Ausstellung sowie Besuch). Achterland war  Teil eines Ballettfestivals, das schon 2019 begann. Aufgeführt wurde es im Kaii-Theater Brüssel. Auch hier ahnten wir nicht, dass das vorerst die letzte Ballettaufführung 2020 sein würde! Mitte Februar sind wir (gottseidank) trotz  großem Sturm mit dem Zug nach Antwerpen gefahren, um die Oper Der Schmied von Gent zu sehen. Das war dann auch der letzte physische Opernbesuch in diesem Jahr.  Aus der Oper Lüttich haben wir – auch im UGC Kino - Nozze di Figaro gesehen. Divina Mysteria: Im Rahmen des Bach Heritage Festival 2020 kam am 7. Februar die katalanische Theatergruppe La Fura dels Baus nach Brüssel. Im Kammermusiksaal des Palais des Beaux-Arts führten sie die Bauernkantate (BVW 212) auf. Und wie bei dieser Gruppe nicht anders zu erwarten, hat sie sich natürlich nicht nur auf Bach beschränkt. Eher durch Zufall haben wir Mitte Februar im Ungarischen Kulturinstitut ein unglaublich schönes und  beeindruckendes Klarinettenkonzert zu hören bekommen. Der Klarinettist Bence Szepesi verzauberte mit seinen Masterclass-Schülern das Publikum  beim diesjährigen Abschlußkonzert. Dass man Kunst auch genießen kann wenn es nicht die Originale sind, zeigte eine Ausstellung Mitte Februar Raffaello – und exposizione impossibile.

 

 Jugendstil-Gemüse März: Dieses Gemüse rechts hat es in den Brüsseler Jugendstil geschafft und ist immer wieder in Zeichnungen oder Verzierungen zu finden. Bevor der totale lockdown uns ins Haus verbannt hat, haben wir noch schnell einen Jugendstilspaziergang durch die Europäische Hauptstadt unternommen. Ich habe auch eine Serie begonnen “work in progress” der Brüsseler Stadtteile.
Weil ja Ausstellungsbesuche nicht mehr möglich waren, habe ich für Kultura Extra eine Reihe mit “Werkbetrachtungen angefangen. Sie hat mit der Apocalypse von Anger begonnen. Social Distancing wird das neue Schlagwort und Lebenskonzept und das erklärt am besten ein Bild von  Edward Hopper. Wie eine Quarantäne in der Renaissance ausgesehen hat, können  Sie hier lesen.

 

 April: Der sehr interessante, spanische Künstler, Gerardo Aparicio, hat sich mit seinen letzten und neuesten Zeichnungen auch Corona und seinen Auswirkungen gewidmet: Hier zwei Beispiele. Der Isenheimer Alter ist ein Wandelaltar, der in Colmar im Museum Unterlinden zu sehen ist. Hier kann man darüber lesen:  Isenheimer Altars.
Christus am Kreuz  des spanischen Malers Goya ist ein Osterbild. Goya ist sowieso einer meiner Lieblingsmaler. Hier geht es zu den  Capriccios im Madrider Prado, der übrigens eine ganz ausgezeichnete online-Präsenz hat. Meine 10 Lieblingsbilder im Prado verbergen sich hinter diesem link.
Einen kulturellen (virtuellen) Spaziergang durch den Zauberwald Bomarzo gibt es hier zu lesen. Das Madrider Museo Sorolla ist weniger bekannt aber durchaus – auch virtuell – sehenswert. Das Frankfurter Städel hat schon vor Corona sehr viel dafür getan, die unterschiedlichen Kunstepochen virtuell zu präsentieren.  Apollo und Daphne ist eine der schönsten Bernini-Skulpturengruppe, die in der Galeria Borghese in Rom zu sehen ist.

Im livestream aus der New Yorker MET hat uns  The mother of us all sehr beeindruckt. Zur Musik von Virgil Thompson hat Gertrude Stein das Libretto geschrieben.

 

stühle parlament  Zum 1. Mai habe ich mich mit einem Bild des eher unbekannten italienischen Malers Volpeda auseinander gesetzt. Der Vierte Stand beschreibt das Leben in Italien um die Jahrhundertwende.  Im Mai konnten wir ja immer noch nichts unternehmen und deshalb  habe ich eine Sparte auf dem blog eingerichtet mit Kochen in Corona-Zeiten. Die Werkbetrachtung zu dem Bild von  George Grosz im Mai war Stützen der Gesellschaft. Für Brettspiele haben wir ja auch wieder viel Zeit. Die Drei Schwestern beim Schachspiel ist ein bezauberndes Bild der italienischen Malerin Sofonisba Anguisola. Und im Zehlendorfer Wohnzimmer wurden virtuell die Konzerte wieder aufgenommen. Wer Lust auf mehr Konzerte aus dem Wohnzimmer aus der Zeit 2017-2019 hat, kann sie hier alle nachlesen. 

 

Dolmen Im Juni wurden die strikten Auflagen auch in Belgien etwas gelockert und die Grenzen zu Frankreich wieder geöffnet. Wir konnten ein paar Tage an den Atlantik fahren und haben die Steinreihen von Carnac besucht. Das zweite virtuelle Zehlendorfer Hauskonzert  fand im Juni statt. Madame Cezanne im roten Kleid war eine Juni Werkbetrachtung. Die interessanten Fresken von Tiepolo in Nürnberg sind hier zu lesen:  Besuch zum Nürnberger Treppenfresko.

 

Besenheide JuliKalmhoutse Heide - diesen Naturpark haben wir im Juli besucht und uns vorgenommen, im Herbst nochmals hinzufahren.      Blue and Green Music von Georgia O’Keffee ist ein Bild, das Töne und Farben verbindet. Eine weitere Bildbeschreibung war der Abschied von August Macke.

 

uch im August konnten wir ohne Probleme die Grenze überschreiten und haben nochmals ein paar Tage in der Vendée verbracht. Beim Zurückkommen mussten wir dann das Passenger Locator Formular ausfüllen und ein neuer lockdown lag schon in der Luft. Leider ist das Festival in Thiré für uns aber ins Wasser gefallen. An Werkbetrachtungen gibt es einen Feuerbach, Turner und die Toteninsel von Böcklin.

Angelika Kauffmann war eine Künstlerin, die  damals komplett aus der Reihe tanzte.

 

 

September: Wieder zurück in Brüssel sind auch die Vorschriften  strenger geworden und der Herbst kündigt sich an.  Eine Beschreibung von  Menzels Flötenkonzert findet man hier   Wir haben die Fondation La Hulpe besucht mit dem großartigen Park und an der Nordseeküste das Museum Delveaux. Beeindruckend ist auch das Freilichtmuseum Sart Tilman in Lüttich, vor allem mit zeitgenössischen Installationen – meist mitten im Wald.

 

Im Oktober endlich wieder ein wenig Theater. Die französische Theatergruppe hatte schon im Frühjahr viel Erfolg mit einen Stück, das für Außen konzipiert wurde.    C-O-N-T-A-C-T  fand  auch in Brüssel viel Aufmerksamkeit. Marie Laurencin ist eine heute eher unbekannte Malerin. In den Bild Apollinaire und seine Freunde hat sie gut ihre Zeit festgehalten. Das Goethe Institut hat am 3. Oktober  Die verschwindende Wand auf die Brüsseler Grand Place geholt.

Freilichtmuseum Brüssel ist ein Artikel über die Skulpturen – hauptsächlich aus dem 19. Jahrhundert – auf die man in Brüssel überall trifft. Ausführlicher bin ich in einem Buch darauf eingegangen.

 

Pünktlich zu den Wahlen im November in den USA habe ich mich mit dem Bild von Grant Wood  American Gothic auseinander gesetzt. Mehr braucht man gar nicht, um die Situation zu verstehen! Aber mehr Erfolg auf dem blog hatte die Ophelia von Millais. Ansonsten war der Herbst oft sonnig und hat zu Spaziergängen eingeladen. Hier ein paar Fotos zum Erholen – Brüsseler Herbstromantik in Sepia.

 

Im Dezember haben wir den schönen Park Solvay am Brüsseler Stadtrand besucht. Dort steht ein  riesiger Olmeken-Kopf. Brüssel hat als Stadt nicht wirklich einen guten Ruf und das Wetter ist meist grau. Aber diese Stadt ist von gigantischen Wäldern und üppiger Vegatation umgeben, sie hat im wahrsten Sinne des Wortes einen grünen Gürtel. Ansonsten gibt es hier die Werkbetrachtung von Caspar David Friedrichs Gemälde “Das Eismeer”. Passend zur winterlichten Weihnachtszeit kommt hier Bruegels Volkszählung in Bethlehem. Bruegel hat sich das Marollen-Viertel als Vorbild genommen und man sieht sogar ein wenig der alten Stadtmauer.  Schnee allerdings muss man heutzutage lange suchen in Flandern (oder Brüssel). Und stellvertretend für ein Feuerwerk: Van Goghs Sternennacht in Arles.

Wer wissen will, was alles nicht geht dieses Jahr:  hier ein paar Sitten und Gebräuche aus anderen Ländern

 

Es bleibt zu hoffen, dass 2021 wieder ein wenig Normalität mit sich bringt.

Frohe Feiertage und Alles Gute!

Tunnelmalerei in Les Marolles

Christa Blenk  

 

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Zehlendorfer Hauskonzerte – Sammlung

In den Berlin-Jahren (2017-2019) hatten wir das Glück, auf die Zehlendorfer Hauskonzerte aufmerksam zu werden. Daniel Pacitti hatte uns zu seinem Konzert dort eingeladen und das war der Beginn einer wunderbaren Konzertreihe.

Hier habe ich alle versammelt, die wir gehört haben – es gab natürlich noch mehr, zumal wir im Sommer 2019 Berlin verlassen mussten.

Konzert im Dezember 2017 - Pacitti und sein Pandoneon

 Konzert Nr. 2 - Jahresausklang mit Franz Schubert

Konzert nr. 3  - Noga Quartett

Konzert Nr. 4  – Franz Trio

Konzert Nr. 5  – Glasharfe

Konzert Nr. 6 - Franz Trio

Konzert Nr. 7 – Klavierabend

Konzert Nr. 8 - Pierre Chastel und Daniel Gerzenberg

Konzert Nr. 9 - Noga Quartett

Konzert Nr. 10 - ARKO MUKHAERJEE

Konzert Nr. 11 - livestream

Konzert Nr. 12 - livestream 2

Musik

 

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Virtuelles in Coronazeiten auf Impressionen bis

Le Petit Sablon – von r.n.l. die Gilden der Handwerker, Bäcker, Brauer, Polsterer, Fleischer, Salzfischhändler, Müller etc

Das Jahr 2020 war fast komplett limitiert auf virtuelles Ausstellungen, Konzerte, Opern.

In dieser Zeit ist auch das Buch “Freilichtmuseum Brüssel” entstanden.

Unter diesem link sind die Beiträge – meiste für KULTURA EXTRA – zusammen gefasst.

cmb

 

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Otto Julius Bierbaum und ein nicht-rauchender Vesuv, ein wütender Kater Rufus und Rossinis Maccheroni-Diät

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Neapel und der Vesuv (c) Christa Blenk

 

Der Golf von Neapel ist eine lange Meeresbucht umgeben von unterschiedlich großen Vulkankratern, den Phlegräischen Feldern. Gegenüber schüchtert der Vesuv mit seinem Brüllen die Besucher ein. Dieser Vulkan ist rund 17.000 Jahre alt und über 1200 Meter hoch und vor allem: er ist aktiv. Der letzte größere Ausbrauch war 1944. Aber die wirklich entscheidende Eruption fand vor fast 2000 Jahren – genauer gesagt im Jahre 79 statt. Pompeji, Stabiae, Oblontis und Herculaneum sind seinerzeit in Asche versunken. Die Ausgegraben sind immer noch im Gange!

Neapel oder Parthenope, wie diese Stadt in der Antike hieß, verdankt seinen Namen einer der Sirenen, die sich wegen Odysseus ins Meer gestürzt haben soll, weil der trickreiche Seefahrer ihr nicht verfallen ist. Der Name Neapel geht auf Neapolis, die neue Stadt, zurück.

„Ein schöneres Pflaster findet man wohl nirgends als in Neapel; eben der furchtbare Lavastrom, welcher der Stadt Zerstörung droht, muss nun ihren Fußboden schmücken und ihre Straßen ebnen“, schreibt Karl Philipp Moritz Ende des 18. Jahrhunderts während seiner Neapel-Reise. Weiterhin beeindruckt ihn die Höflichkeit der Bevölkerung.

Künstler, Musiker oder Literaten haben sich in allen Epochen von dieser so beeindruckend schön gelegenen Stadt angezogen gefühlt. John Milton kam zwar nur bis Rom, aber sein  Paradise Lost soll in Italien entstanden sein. Später zog es Herder, Goethe, Rilke, Hesse und der Märchenerzähler Anderson nach Neapel. Fürst Leopold II von Anhalt Dessau begegnete 1765 in Neapel dem Diplomaten und Kunstsammler William Hamilton oder besser gesagt seiner Frau Lady Hamilton. Und wer sich auf die „Grand Tour“ begab, kam an Neapel natürlich auch nicht vorbei. Diese Bildungsreise war hauptsächlich Männern vorbehalten, aber es gab vereinzelt auch Frauen, die sich aufmachten, die Welt zu erkunden wie Lady Morgan Sidney Owenson (1776-1859). Es waren aber nicht nur Dichter und Maler die vom Licht angezogen nach Neapel reisten, auch Musiker und Komponisten zog diese faszinierende Stadt in ihren Bann: Gluck, Mozart, Berlioz, Mendelssohn-Bartholdy oder Wagner bis hin zu Hugo Wolf sind nur einige von ihnen und natürlich  Georg Friedrich Händel, der als 20jähriger nach Italien kam. Die weltliche Serenata “Aci, Galatea e Polifemo“ hat das Licht der Kompositionswelt in Neapel erblickt. Die Neapolitanische Schule war eine Komponistengruppe, die schon ab 1650 maßgeblich die Geschichte der Oper mitbestimmte. Ab Anfang des 18. Jahrhundert breitete sich dieser “leichte“  Stil in ganz Europa aus. Neapel war in dieser Zeit nach Paris und London die drittgrößte Stadt in Europa. Charles de Brosses nannte sie die Hauptstadt der musikalischen Welt.  Das neapolitanische Konservatorium brachte Sänger wie Farinelli und Caffarelli hervor. In der Zeit entstand auch das Teatro di San Carlo; heute zählt das Opernhaus zu den besten der Welt und ist bekannt für seine weiche Akustik.

Im 18. Jahrhundert wurde der Begriff Reiseliteratur erfunden und es entstand der Beruf des Reisebegleiters. Einer der ersten war Thomas Hobbes, er begleitete vornehme Söhne auf diese große Reise, die meist bis Rom ging. Die Mutigen reisten bis nach Neapel weiter. Mutig deswegen, weil es zwischen Rom und Neapel ein Sumpfgebiet und die Malaria gab und die Wegelagerer gerne mal die reisenden Bildungsbürger erleichterten. Hinzu kam, dass die Pensionen nicht dem heutigen Standard entsprachen und sich in den dreckigen Laken so allerlei Tiere suhlten. Aber außer der Musik und der Kunst gab es dort auch den Vesuv und die Ruinen von Pompeji, die ab 1763 besichtigt werden konnten. Neapel:  das ist immer noch gewundenen Straßen, barocke Fassaden, staubige Paläste, bunte Märkte,  freundliche Menschen, Kunst, Schönheit und Musik und oft hervorragendes Essen.

Unser “moderner” Spaziergang beginnt gleich am Aquarium von Anton Dohrn. 1872 hat er es in den ehemals königlichen Gärten die Stazione Zoologica zur Erforschung der Fauna im Mittelmeer bauen lassen. Sein Künstlerfreund Hans von Marées, der sich gerade auf Italien-Bildungstour befand hat 1873 in der Bibliothek im ersten Stock die Fresken malen dürfen. Mediterrane Alltagsszenen, Fischer und Orangenpflücker oder einfach nur eine Siesta auf der Pergola. Diese Fresken waren auch noch lange Zeit danach eine bedeutende Sehenswürdigkeiten für deutsche Reisende. Paul Klee fand, sie „hätten einen guten Eindruck“ gemacht. Na ja, mehr kann man von seinen Bildern eigentlich auch nicht sagen. Das Aquarium hingegen stieß auf sein Interesse.

In der Pension Maurice hat 1952 der chilenische Dichter und Literaturpreisträger Pablo Neruda übernachtet und von dort aus sollte er abgeschoben werden. Die Neapolitaner protestierten und er wurde nach Rom gebracht wo ihn die Einladung von Edwin Cerio nach Capri erreichte.  Später gelangte er dann im Exil  auf die Insel Procida  und alle Kinogänger wissen, wie es mit ihm weiterging!

Im Hotel Royal des Étrangères auf der Via Partenope logierte Ende September 1898 Oscar Wilde– natürlich mit Lord Alfred Douglas, der ihm trotz Verbot nachgereist war. Wilde hatte sich nach seiner Verurteilung in das nicht ganz so puritanische Frankreich abgesetzt und kam mehr oder weniger mittellos in Neapel an.  Nach Capri ist er natürlich auch gefahren, allein schon um Blumen auf das Grab von Tiberius zu legen. Enrico Carusos zweites zuhause soll das Hotel Vesuvio gewesen sein. Gadamer hat auch dort ein paarmal gewohnt. „Die Illusion ist vollkommen“ soll er gesagt haben, als er vom Hotel aus auf den Golf blickte.

In der Via Generale Parisi im obersten Stock lebte um 1947 der Komponist Hans-Werner Henze mit der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Sie schrieb das Libretto zum „Jungen Lord“, eine Oper, die Henze in Neapel komponiert hat. Auch die fünf Neapolitanischen Lieder sind in dieser Zeit entstanden. Ein Jahr vorher bewohnte die Bachmann eine Wohnung auf dem Vomero und verfasste dort „Die Anrufung des Großen Bären“. Der Kater Rufus soll aus Ärger, weil man ihn am Sonntag allein gelassen hat, das erste Manuskript zerfetzt haben, das erzählt Hans-Werner Henze in den „Reiselieder mit böhmischen Quinten“. Und Rilke Gedicht “Vor Ostern” entstand 1907 während eines Winteraufenthaltes auf Capri.

San Carlo ist eines der wichtigsten italienischen Opernhäuser. Hier geht mit man immer noch mit langen Kleidern und Smoking zur Premiere. Das Teatro ist angeblich europaweit für seine fantastische Akustik bekannt. Nach der Oper kann man noch in die Pizzeria Brandi gehen – dort wurde die Pizza erfunden und die Operngäste sitzen im Abendkleid auf den Holzstühlen. Die beste Pizza in Neapel gibt es dort aber nicht. Die soll es in der Pizzeria Beatrice an der Piazza Dante gegeben haben, das hat jedenfalls Joseph Beuys gemeint. Heute existiert sie nicht mehr.

Im Palazzo Barbaja hat der Direktor der Oper einmal den Komponisten Rossini eingesperrt. Letzterer sollte endlich den Othello komponieren und nicht nur an sein Vergnügen denken. „Ich habe die Ouvertüre von Otello in einem kleinen Zimmer im Palazzo Barbaja komponiert, wo der glatzköpfigste und der grausamste aller Direktoren mich gezwungenermaßen eingeschlossen hatte. Ohne etwas anderes als einen Teller Maccheroni und mit der Drohung, dass ich auch lebenslänglich nicht das Zimmer verlassen könnte, bis ich die letzte Note geschrieben hätte“ – soll er gesagt haben. Die Oper Othello wurde dann aber nicht in San Carlo uraufgeführt, da dieses Theater kurz vorher  erstmals abgebrannt ist. Ob es ein Racheakt von Rossini war, scheint eher unwahrscheinlich.

In San Carlo hat Hans Christian Andersen dreimal die wunderschöne Sängerin Maria Malibran gehört und war ganz verliebt „es war mir, als hörte ich einen Schwan bald mit den Schwingen gegen die hohen Ätherströme schlagen, bald in das tiefe Meer hinuntertauchen und die hohle Brandung teilen, während das brechende Herz in Tönen verblutete“. Hätte man dem grausamen Märchenerzähler gar nicht zugetraut! Gegenüber dem Opernhaus liegt die Galleria Umberto I. Hier hängt eine Gedenktafel für Goethe. Dieser verzieh es allen „die in Neapel von Sinnen kommen, denn es schien ihm, als wolle jeder das große Fest des Genusses, das in Neapel alle Tage gefeiert wird, mit geniessen und vermehren“.

Aber diese Meinung vertraten nicht alle Neapel-Besucher. So schrieb Fanny Mendelssohn 1840 „Im Endeffekt werde ich aus Neapel wie ein schönes Entchen fortfliegen. Ich bin froh wenn ich unseren angenehm frischen und leisen Balkon nicht verlassen muss, die Stadt ist höllisch; man könnte glauben, dass die Wirkung des Vesuvs bis hierher zu spüren ist, so schön die Stadt auch sein mag, würde ich niemals in ihr Leben wollen.“ Auch für Stefan Andres und seine Frau war es „Kein Arkadien“, als sie sich 1937 ins Exil in der Nähe von Neapel begaben und in einer primitiven Wohnung, ohne fließend Wasser oder Strom und so gut wie ohne Geld überleben mussten.

Aus einem ganz anderer Grund enttäuscht war der Reisejournalist Otto Julius Bierbaum. Er quälte sich 1902 mit Chauffeur in einem Einzylinder mit 8 PS und mit  25 km/Stunde, voll beladen mit Frau, unzähligen Koffern und Hutschachteln, einem Picknickkorb und Geschirr auf einer steilen Straße weit über die Stadt hinaus. Das Ehepaar Bierbaum war nicht wegen Fresken oder Aquarium nach Neapel gereist. Nein: Der Journalist wollte den Vesuv in Aktion erleben, was aber wohl nicht passiert ist, denn er hat sich anschließend bitter beim Reiseveranstalter Cook beklagt:  „Ich verlange ja keinen direkten Ausbruch, aber bloß so dazu stehen wie jeder andere Berg, ohne die geringste Rauchsäule, das ist für einen allgemein anerkannten und im Baedeker mit zwei Sternen versehenen Vulkan entschieden zu wenig“!!!

Heute ist Neapel die drittgrößte Stadt Italiens, Hauptstadt von Kampanien und wirtschaftliches und kulturelles Zentrum von Süditalien. Die Altstadt gehört seit 1995 zum UNESCO Weltkulturerbe.

Christa Blenk

PS Stefanie Sonnentag hat in ihrem kleinen Reiseführer „Spaziergänge durch das literarische Capri und Neapel“ noch viel mehr Adressen und Geschichten anzubieten.

 

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Zehlendorfer Hauskonzert Nr. 2

Goldberg-Variationen für Streichertrio

Als „Clavierübung bestehend aus einer Aria mit verschiedenen Veränderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen“ komponierte  Johann Sebastian Bach 1741 die Goldberg-Variationen (BWV 988), das berühmteste Variationenwerk der Klavierliteratur im Barock. Der geneigte  Musikliebhaber sieht heute beim Hören der Goldberg-Variationen Glenn Gould, wie er mit den Tasten Eins werdend spielt und vor sich hinsummt.

Das Hauskonzert Nr. 2 fand gestern Abend wieder im livestream aus Zehlendorf statt. Ganz allein im Wohnzimmer spielend und ohne das Publikum, das sonst immer um die Musiker herum sitzen durfte, wirkt diese großartige Komposition sehr viel intimer und in sich gekehrter. Der warme Streicherklang macht die Töne greifbarer und gediegener und sie kommen gezogener, transparenter und filigraner daher. Die beiden Interpreten Luiza Labouriau (Geige) und Martin Knörzer (Cello) kennen wir schon vom Pfingstsonntagskonzert und dem Glière-Programm. Mit von der Partie war heute noch der Bratschist Ulrich Knörzer, der zum Ensemble der Berliner Philharmonikern gehört.

Erst 1984 hat der Geiger Dmitry Sitkovetsky dieses Werk für ein Streichertrio umgearbeitet. Die Goldberg-Variationen setzen sich aus einer einleitenden Aria und 30 Abwandlungen eines  beibehaltenen harmonischen Gerüstes in allen Tempi vom Grave bis zum Presto und in allen Formen vom Ariosos bis zur Fuge (Kanone, tänzerische Giguen, Fugetten etc.) zusammen. Gestern Abend haben die drei wunderbaren Virtuosen nach der Aria 15 Variationen gespielt und erneut mit der Aria das Konzert abgerundet. Die verbleibenden 15 Abwandlungen werden das Programm für das Hauskonzert Nr. 3 bilden. Wie schon beim letzten Mal, haben die Solisten das Publikum wieder in drei Sprachen durch das Programm geführt.

Zum Schluss holen wir uns auch schnell ein Glas Wein, um mit den Musikern virtuell anzustoßen und denken mit Freude an die Zeiten zurück, in denen nach den Konzerten eine Unterhaltung mit den Musikern und ein von der Gastgeberin vorbereiteter Imbiss den Abend perfekt abrundete. Wie schon der französische Gastronom Brillat Savarin meinte:  „Jemanden einladen bedeutet, für das Glück des Gastes zu sorgen, solange dieser unter unserem Dache weilt.“ 

Aber: die Warmherzigkeit und Liebe zur Musik der Gastgeberin springt auch über das Internet auf das Publikum über. Sogar weit weg fühlen wir uns im musikalischen Zehlendorfer Wohnzimmer willkommen.

Vielen Dank und bis zum nächsten Mal.

Christa Blenk

Hauskonzert Nr. 1

 

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Die Zehlendorfer Hauskonzerte sind als livestream zurück

Hauskonzert Nr. 1 – Reinhold Glière

Bevor Corona auch dem Musik- und Kulturleben im März ein Ende bereitet hat, waren die Zehlendorfer Wohnzimmerkonzerte eine feste Einrichtung und zählten zu den ganz besonderen Highlights im Berliner Musikleben. Glücklich konnte sich schätzen, wer einen der ca.40 Plätze im Wohnzimmer ergattern konnte. Fünf- bis sechsmal pro Monat haben diese exquisiten Konzerte, mit abwechslungsreichen Programmen und immer unterschiedlichen Musikern bis März 2020 stattgefunden.

Die Organisatorin hat nun nach fast drei Monaten Konzertpause beschlossen, dass sich diese Situation ändern müsse. Das Pfingstsonntag-Konzert fand als  livestream statt und das Publikum war mit einem Klick dabei. Physisch anwesend im Wohnzimmer-Konzertsaal waren dieses Mal außer der Gastgeberin nur die Geigerin Luiza Labouriau und der Cellist Martin Knörzer. Wie oft bei den Konzerten in der Vergangenheit, kamen auch dieses Mal Werke zur Aufführung, die nicht zum Standard-Repertoire gehören, so die „Acht Duos für Violine und Violoncello“ op. 39 (Prelude, Gavotte, Berceuse, Canzonetta, Intermezzo, Impromptu, Scherzo und Etude) von Reinhold Glière.

Die spätromantische, dunkel-melancholische Prelude mündet in eine tanzende Gavotte, ein wunderbares Bachzitat, das im Mittelteil Musette-Töne hervorbringt. Die anschließende sanft-schnulzig und bittende Berceuse wird von einer melancholischen Canzonetta abgelöst, die uns weit in die russische Steppe hineinführt, die wir gleich darauf mit einem schwingenden Intermezzo, dem Lieblingsstück der Beiden übrigens, wieder verlassen. Ein inständiges und improvisiertes Impromptu erinnert an Skrjabin und ganz molto allegro kommt die Etude daher. Jetzt können die Solisten auch ihre feine Virtuosität unter Beweis stellen. Ein dreiteiliges Scherzo im 3/4 Takt fällt gelegentlich in den 2/4 Takt eines böhmischen Furiant-Tanzes und dann ist dieses sympathische und wunderbare Konzert auch schon zu Ende.

Die jungen Interpreten haben uns die Stücke zwischendurch kurz erklärt und mit viel Charme und Eleganz durch das Konzert geführt. Unsere Rufe von PC aus nach einer „Zugabe“ kamen natürlich nicht an.

Die dänisch-brasilianische Geigerin Luiza Labouriau lebt zurzeit in Berlin, wo sie u.a. mit dem  Deutschen Symphonie-Orchester Berlin und mit dem Ensemble der Deutscher Oper Berlin aufgetreten ist. Ausgezeichnet begleitet hat sie der Mannheimer Cellist Martin Knörzer. Die beiden spielen öfter im Duo zusammen und könnten ein neues „dream team“ werden.

Reinhold Glière (ursprünglich Glier – 1874-1956) war der Sohn eines deutschen Hornmachers in Kiew. Seine Großeltern mütterlicherseits stellten Holzinstrumente her. Schon bald machte sich seine musikalische Begabung bemerkbar und er konnte ab 1894 am Moskauer Konservatorium studieren. Das Studium der Komposition schloss er 1900 mit einer Goldmedaille ab. In dieser Zeit änderte er seinen Namen von Glier in Glière. Kurz darauf begann er am Moskauer Gnessin Institut zu unterrichten, wo Sergej Prokofjew zu seinen Schülern zählte. Zwischendurch hielt er sich immer wieder mal in Berlin zu Dirigierstudien auf. Diese Exkurse mischten die impressionistischen Farben in seine Werke, aber auch Borodin und Rimsky-Korsakov beeinflussten seine Kompositionen. Der ausgezeichnete Geiger unterrichtete ab 1913 am Kiewer Konservatorium und übernahm 1914 die Leitung dort. 1920 ging er nach Moskau und wurde Professor für Komposition am dortigen Konservatorium, wo er bis zu seiner Pensionierung 1941 blieb. Glière hat sich selber nie als politischer Komponist gesehen, war eher unpolitisch und konservativ. Er hat seinen Stil aus russischer Volksmusik, Spätromantik und Impressionismus nie wirklich verlassen und auch das 20. Jahrhundert musikalisch nicht betreten. Sein Cellokonzert op. 87 hat er Rostropowitsch gewidmet. Die delikaten und schönen „Acht Duette für Violine und Violoncello op 39“, die wir heute gehört haben, sind 1909 entstanden und waren wohl ursprünglich als Unterrichtswerke gedacht.

Wir „verlassen“ diese bezaubernde, bewegende und sehr gelungene livestream Premiere mit der Bestätigung, dass das Musikleben über die aktuelle Pandemie hinaus weitergehen wird und erwarten sehnsüchtig das Hauskonzert Nr. 2!

 Christa Blenk

Mehr:

Zehlendorfer Hauskonzerte

Zehlendorfer Hauskonzerte Noga Quartett

Zehlendorfer Hauskonzerte – Pierre Chastel

Franz Trio in Zehlendorf

 

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Johannes Passion aus der Leipziger Thomaskirche

Info:Zum Karfreitag in Leipzig sind die Aufführungen von Johann Sebastian Bachs Passionen eine Selbstverständlichkeit. In diesem Jahr angesichts der Corona-Pandemie ist es wahrscheinlich das erste Mal seit etwa 150 Jahren, dass die Leipziger auf ihre Bach-Passion verzichten müssen.
Dazu kommt, dass das Leipziger Bachfest im Sommer  aus demselben Grund abgesagt wurde. Am 13. Juni 2020 sollte eine packende Fassung von Bachs Johannes-Passion aufgeführt werden: dargeboten von nur drei Personen auf der Bühne um den bekannten isländischen Tenor Benedikt Kristjánsson. Teil dieses Konzeptes war, dass etwa 5000 Besucher auf dem Leipziger Altmarkt  die Choräle singen. Nun soll diese Fassung am Karfreitag zur Todesstunde Christi in der leeren Thomaskirche am Bach-Grab aufgeführt werden.Neben den drei Solisten sind Thomaskantor Gotthold Schwarz und ein Vokalensemble beteiligt. Eingebunden in die Live-Ausstrahlung sind Choralzuspiele von Bach-Chören aus der Schweiz, aus Kanada und Malaysia.
Außerdem sind Chöre und Bach-Fans auf der ganzen Welt eingeladen, daheim auf ihren Bildschirmen diese womöglich einzige Passionsaufführung weit und breit zu verfolgen und die Choräle mitzusingen.mit Benedikt Kristjansson, Elina Albach und Philipp Lamprecht 

hier geht es zum Bericht von KULTURA EXTRA

 

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The mother of us All – aus der MET

für KULTURA EXTRA

Failure is impossible  

Am 4. April um 1.00 Uhr morgens sitzen wir vor dem PC, um die Premieren-Übertragung live aus New York von Virgil Thomsons Oper „The Mother of us all“ zu sehen. In New York ist es erst 19.00 Uhr und ein Teil unserer Familie sitzt dort ebenfalls vor dem Rechner und wartet bis es los geht.

Anlässlich der Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag des 19. Zusatzartikels der US-Verfassung, welcher 1920 den amerikanischen Frauen das Wahlrecht brachte, studierte die Juilliard School und das Metropolitan Musem of Art mit den New Yorker Philharmoniker Virgil Thomson’s Oper „The Mother of Us All“ als site-specific-production ein. Aufführungsort ist der Charles Engelhard Court im American Wing des Museums. Überall stehen Skulpturen und Plastiken herum und mischen sich unter die zahlreichen Darsteller. Die Feministin, Schriftstellerin und Kunstsammlerin Gertrude Stein hat das Libretto geschrieben. Auch sie war eine Art Mutter und scharte ab 1910 bis in die 1930er Jahre in ihrem Pariser Salon Dichter, Künstler und Musiker um sich. Sie und Thomson haben in dem Stück eine Erzählerrolle. Über 25 historische und erfundene Personen aus unterschiedlichen Epochen treffen aufeinander. Man braucht ein wenig, um sich in diesem geordneten Chaos von Personen zu recht zu finden.  

Es beginnt mit Stille. Eine Frau betritt feierlich-zögernd die Bühne. Sie hat einen Zettel in der Hand auf dem „vote“ steht. Während einige Personen im Rhythmus mit den Fäusten auf den Bühnenrand schlagen, kommt sie bei der Wahlurne an, darf aber den Zettel nicht einwerfen. Jetzt setzt die Musik ein und Bilder der US-amerikanischen Geschichte werden auf die Mauern im Innenhof des Museums projiziert.  Susan B. Anthony ist die Hauptperson in der Oper. Sie wurde 100 Jahre vor dem Frauenwahlrecht in den USA geboren und  hatte im 19. Jahrhundert als Souffragette eine bedeutende Rolle in der Frauenwahlrechtsbewegung inne.  Als Quäkerin war sie obendrein gegen Alkohol, letzteres hatte sie mit Gertrude Stein allerdings nicht gemein. Ihre lebenslange Freundin mit Mitstreiterin Elizabeth Cady Stanton heißt in der Oper Anne und sieht aus wie die Wegbegleiterin von Gertrude Stein, Alice B. Toklas.

Während Susan B. eine ihrer vielen Reden schwingt, gegen die Heirat hetzt, sich mit General Grant oder Daniel Webster unterhält, bereitet Jo the Loiterer seine Hochzeit mit Indiana Elliott vor. Er ist nicht glücklich, da sie seinen Namen nicht annehmen will.  Die Schauspielerin Lilian Russell erscheint und  John (Quincy) Adams hofiert Constance Fletcher mit einer lyrischen Arie.  „Dear Miss Constance Fletcher, it is a great pleasure that I kneel at your feet”, but I am an Adams, I kneel at the feet of none, not anyone.”  Die anderen wiederholen seine Aussagen. Überhaupt wird hier permanent alles wiederholt, wie sich das so gehört bei Gertrude Steins experimentellen Texten oder Gedichten, mit denen sie sich über sämtliche Konventionen permanent hinweg gesetzt hatte. Dann hält Susan B. eine bedeutende Rede und stirbt. Das merkt man aber nur, weil alle plötzlich in der Vergangenheit von ihr reden. Mit der Enthüllung eines Denkmales zu ihren Ehren, bei der sie als Geist teilnimmt, endet die Oper.  

Thomsons neoromantische, sehr amerikanische, Musik bringt so gut wie alle Stile hervor. Es gibt viel militärischen Trommelwirbel, Walzer, Märsche, lyrische Arien, Kirchenorgel, leichte Lieder und Jazzeinlagen. Er hat sich mit seinen Tönen wunderbar und rhythmisch perfekt auf die schräge Poesie von Gertrude Stein eingestellt.

Die Inszenierung ist von Daniela Candillari; Louisa Proske am Pult. Felicia Moore singt Susan B. Anthony. Sie sieht aus wie eine Mischung aus der echten Susan B. Anthony und Gertrude Stein in dem Portrait, das Picasso 1906 von ihr gemalt hat. Erstklassig textverständlich gesungen nicht nur Felicia Moore.

Die  Premiere fand am 8. Februar 2020 statt. Zu diesem Zeitpunkt hat man sich in New York noch nicht der Kopf über die Corona-Pandemie zerbrochen. Publikum sitzt um die Bühne herum und man hört Applaus. Heute geht auch in New York niemand mehr auf die Straße, denn diese großartige Stadt ist in den USA am meisten vom Virus betroffen.

Virgil Thomson hat drei Opern komponiert. Für zwei davon hat seine Freundin Gertrude Stein das Libretto geschrieben. „The mother of us All“ wurde 1947 uraufgeführt. Gertrude Stein war zu dem Zeitpunkt schon ein Jahr tot. Leonard Bernstein soll bei Thomsons Tod gesagt haben „we all loved his music, but we never played it“.

Die lange Nacht hat sich auf jeden Fall gelohnt.

New York 1994
New York Street Art

 Christa Blenk

 

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Bence Szepesi im ungarischen Kulturinstitut

klarinette 1
 Bence Szepesi mit seiner Masterclass nach dem Konzert

 

Klarinetten-Abend

Mitte Februar gab der ungarische Klarinettist Bence Szepesi eine Masterclass in Brüssel. Das Abschlusskonzert fand am 18. Februar im ungarischen Kulturinstitut in Brüssel statt. Ein großartiges und mitreißendes Klarinettenkonzert mit einem sehr ausgewählten und ansprechenden Programm.

Abwechselnd mit einigen seiner Schüler spielte Bence Szepesi das Stück “Peregi Verbunk” von Leo Weiner (1885-1950), ein “Capriccio all’ongarese” von Mihaly Hajdu (*1909), das uns direkt in eine Gänse schnatternde Puste führte, ein Intermezzo für Klarinette von Johannes Brahms (1833-1897)  und ein Concertino von Carl Maria von Weber (1786-1826). Begleitet hat ihn die Pianistin Nina Sené.

Die Masterclass-Schüler Dimitri Louis, Amélie Casciato, Christos Theologos und Alba Mayorga Rodrigo spielten jeweils Arrangements für Klarinette Solo von Béla Kovács (*1937). Kovács hat sehr viele dieser „Hommagen“ geschrieben. Gestern Abend spielten die Schüler die “Tributes”  an Johann Sebastian Bach, Zoltá Kodály, Manuel de Falla und Richard Strauss.

Die komplette Klasse präsentierte zum Schluss gemeinsam mit der Organisatorin Nathalie Lefèvre eine „Román rapszódia“ von George Enescu (arr. Béla Kovács) und begeisterte damit das Publikum. Als Zusage ein extra für den Abend arrangiertes Klezmer-Stück.

Bence Szepesi ist ein Ausnahme-Klarinettist. Einfühlsam, meist ohne Noten, geht er in seinem Spiel auf und hat dies auch an seine Schüler vermittelt. Das hat man beim Konzert gespürt und gesehen. Vor zwei Monaten gab er sein debut  in der New Yorker Carnegie Hall – mit großem Erfolg. In Brüssel ist er schon zum zweiten aber hoffentlich nicht das letzte Mal!

An der renommierten  Franz Liszt Academy of Music in Budapest hat er studiert und schon verschiedene Preise gewonnen.  Unglaubliche Töne holt er aus dem Instrument. Flüsternd, weinend, bettelnd, streichelnd, schreiend und kreischend kommt er mit seiner Klarinette daher. 1995 hat er das Budapest Saxophone Quartett gegründet. Szepesi  lebt zur Zeit in New York, gibt aber Konzerte und Meisterklassen auf der ganzen Welt. Bence Szepesi ist der President der Hungarian Clarinet and Saxophone Society.

Der ungarische Klarinettist Béla Kovács (*1937) studierte ebenfalls an der Franz-Listz-Musikakademie in Budapest und ist seit 1975 dort Professor. Seit 1989 lehrt er in Graz. Für sein Werk bekam er verschiedene Auszeichnungen, darunter 1964 den Franz-Liszt-Preis. Kovacs ist vor allem bekannt für seine Klarinettenarrangements und diverse, großartige Hommagen an andere Komponisten.

Unglaublich perfekte und begeisternde Aufführung.

klarinette

cmb

20.02.2020

 

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